Zeichen gegen Antisemitismus
Am Vorabend des ersten Mais fand in Griesheim der vierte Marsch des Lebens statt, zur Erinnerung an die Shoah und den 7. Oktober 23. „Erinnern verpflichtet – für jüdisches Leben und gegen Israelhass“ war das diesjährige Motto anlässlich des israelischen Holocaustgedenktags am 14. April. Erinnern verpflichtet, nicht wegzuschauen und zu schweigen über die Schuld in der Gesellschaft, der Kirche und der eigenen Familie und öffentlich ein Zeichen zu setzen für Israel und jüdisches Leben.
Die Veranstaltung begann um 18.00 Uhr am Platz der ehemaligen Synagoge in der Hintergasse 10. Ca 80 Personen aus Kirche und Gesellschaft fanden sich zu dem 4.Marsch des Lebens durch den Ort und insgesamt der 6. Veranstaltung innerhalb von 10 Jahren ein. Nach der Begrüßung von Frau Gunhild Menges aus der Ev. Melanchthongemeinde lief man durchs Gässchen bis zum Parkplatz, auf dem das frühere Rathaus stand, das 1944 in der Bombennacht zerstört wurde.
Nach dem Grußwort des Gründers der weltweiten Marsch des Lebens Bewegung aus Tübingen, Jobst Bittner, gab es einen Einblick in das jüdische Leben rund um das erste Rathaus. Das Rathaus befand sich im Mittelpunkt des Dorfes und mehrere Jüdische Familien waren mindestens ab 1748 darin vollständig integriert. Weiter ging es auf der Oberndorferstraße über die Hintergasse in die Pfützenstraße bis zur Kreuzgasse 2. Dort lebte Familie May, der die Ausreise nach New York gelang nachdem sie ihre Metzgerei weit unter Wert verkaufen mussten. Heike Jakowski, Kunsthistorikerin des Stadtarchivs, überbrachte herzliche Grüße von Audrey May, der Tochter von Werner May. Am Geleitcafe gedachte man der Familie Libmann, die dort ein Geschäft hatte, welches bedingt durch die Boykottmaßnahmen der NS-Diktatur zugrunde ging. Die Kinder Ludwig und Ruth überlebten die Inhaftierung im Konzentrationslager. Das Kochschulhaus am Platz Bar le Duc war das nächste Ziel. Es war das zweite Rathaus in Griesheim, von 1900 bis 1953. Der Jude Ludwig Löb wurde schon 1933 auf der Polizeiwache nebenan arbeitsunfähig geprügelt, musste Zwangsarbeit in Groß-Gerau und Darmstadt leisten und starb im KZ Dachau. Der Marsch ging nördlich der Wilhelm-Leuschnerstraße zum jetzigen Rathaus weiter, an dem die Abschluss Veranstaltung stattfand. Nach der Begrüßung und einem Lied, wurden sieben Kerzen angezündet und an die jüdischen Opfer der Shoah und des Massakers vom 7. Oktober 23 in einer Schweigeminute gedacht. Danach folgte ein Bericht über die Entführung, Geiselhaft und Befreiung von der Terrororganisation Hamas nach 129 Tagen von Luis Har. Dem folgte der Beitrag des Kulturreferenten Alexander Stoler der Jüdischen Gemeinde. Herr Stoler gab Einblick in die Hasskommentare, denen die Jüdische Gemeinde immer mehr ausgesetzt ist. Er fragte, wie er seinen Kindern vermitteln kann, dass sie ihre jüdische Identität verbergen müssen. Philip Krämer von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft rief dazu auf, die junge Generation anzuleiten, Verantwortung für einen wertschätzenden Umgang mit der jüdischen Bevölkerung zu übernehmen. Bürgermeister Krebs-Wetzel hatte ein Grußwort gesendet, indem er die Wichtigkeit des Marsches unterstrich, weil er für Versöhnung steht. Das bedeutet sich der Vergangenheit zu stellen, Schuld anzuerkennen und gemeinsam Wege in eine friedlichere Zukunft zu suchen. Herr Uwe Becker, der Antisemitismusbeauftragte Hessens, mahnte in seinem Grußwort an, dass sich das Fenster jüdischen Lebens bei uns sehr schnell schließen wird, wenn wir nicht lernen mehr Empathie aufzubringen. Erinnern ist kein passiver Zustand, sondern ein Auftrag, weil jüdisches Leben in unserem Land bedroht ist.
Frau Sigrid Parplies-Roth und Frau Brigitte Pramana brachten als Nachfahren der Kriegsgeneration ihre Erschütterung über Folgen der Mitwirkung bzw. Gesinnung ihrer Vorfahren zum Ausdruck.
Es wurde anschließend dazu eingeladen, sich dazu zu verpflichten:
– angesichts des Holocausts, zu dem modernen Antisemitismus und Judenhass unserer Zeit nicht zu schweigen;
– angesichts des 2000 Jahre alten antisemitischen Erbes als Christen unsere Gleichgültigkeit zu überwinden und die bleibende Erwählung des Jüdischen Volkes anzuerkennen
– angesichts der Verrohung der Sprache, statt zu beleidigen: Wertschätzung auszusprechen;
– statt zu entmenschlichen: den Menschen als Ebenbild Gottes zu ehren und
– anstatt zu verfluchen: über ihnen Segen auszusprechen.
“Um Zions Willen“ wurde Israel gesegnet.
Zum Abschluss wurde ein Davidstern über die Weltkugel am Brunnen gespannt während die HaTikva, die israelische Nationalhymne, auf hebräisch gesungen wurde.





