Ev. Melanchthongemeinde Griesheim
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Der Marsch des Lebens in Griesheim begann auf dem TuS Platz (Turn und Sport Verein). Der Vorstand hatte dazu die Erlaubnis erteilt. An diesem Tag waren die Plätze mit Fußballspielen belegt. Die 75 Teilnehmer, die zu dem Marsch erschienen waren, stellten sich auf einem Bereich davor auf. Nach 2 Liedern eröffnete Pfr.Holger Uhde den Marsch des Lebens. Bürgermeisterin Frau Gabriele Winter sprach ein Grußwort, in dem sie ihre Freude zum Ausdruck brachte, dass eine gute Arbeit für die Flüchtlinge vor Ort aufgebaut worden ist und stellte einen Zusammenhang zu der Initiative des Marsches des Lebens her, in dem sie bekräftigte, wie wichtig die Erinnerung an die Nationalsozialistische Zeit ist, gerade auch in den Herausforderung mit dem Flüchtlingsstrom.

Der Platz des heutigen TuS, damals Deutscher Turnerbund (DT), war schon sehr früh im Mai 1933 als Kundgebungsplatz der Nationalsozialisten genutzt worden, an dem die ganze Bevölkerung teilnahm. Gemeinsam „wurde das Deutschlandlied mit entblößtem Haupt und erhobener Rechten gesungen“. In demselben Monat legte der bisherige Vorstand des DT seine Ämter nieder und ein NSDAP linientreuer Genosse übernahm die Leitung desselben, in der Funktion eines Führers.

Frau Gunhild Menges  benannte, dass die Organisatoren des Marsches des Le bens in einer anderen Gesinnung auf dem Platz stehen, um der Opfer zu gedenken, die unter der Gewaltherrschaft gelitten haben, die sich aus dieser Nationalsozialistischen Bewegung entwickelt hat. Eine Teilnehmerin des Marsches, Frau Pramana, bekannte, wie ihre Mutter Adolf Hitler bis zu ihrem Lebensende verehrt hat und damit dieses System unterstützt hat. Dafür bat sie um Vergebung.

Der Marsch des Lebens bewegte sich anschließend über die Berliner Straße bis zum Gemeindehaus der Melanchthongemeinde in dem Bewusstsein, dass diese Straße „Straße der SA“ in der Nazizeit geheißen hat. Die „SA“ war eine Schutztruppe für Hitler, die Gegner in aller Härte verfolgte und schon 1933 KZ´s eingerichtet hat.

An der Melanchthongemeinde benannte Pfr. Uhde, wie sehr die Hetzschriften Martin Luthers gegenüber den Juden die Ideologie der Nationalsozialisten unterstützt hat und wie wichtig es ist, dass dies im Gedenkjahr Luthers 2017 benannt wird. Ebenso bekannte er, dass die Kirche sich von ihrer Wurzel getrennt hat, da wo sie sich von ihrem jüdischen Erbe gelöst hat. Pfr. Mohn erklärte, wie er sich unbewusst mit einer Aussage identifiziert hat, von der er sich bewusst lösen musste. Und wie er erkannt hat, dass Begriffe aus der Nazizeit noch zu seinem Wortschatz gehören. Er löste sich von den Begriffen „bis zur Vergasung“,  „Überlegenheitsgefühle“,  „deutsche Herrenrasse“.

Der Weg des Marsches führte bis zum Platz Bar-le Duc. Dort erklangen 2 Lieder.

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Frau Menges benannte, dass 84 jüdische Mitbürger und eine Roma Familie in Griesheim gelebt haben. Die Unterlagen dazu stammen von der Stolperstein AG unter Leitung von Frau Birgit Willige und Frau Heike Jakowski. 1941 wurde offiziell benannt, Griesheim sei „judenfrei“. Tiefes Bedauern darüber wurde ausgesprochen und es wurde jüdisches Leben in Griesheim willkommen geheißen.

An dem Platz Bar-le-Duc befanden sich in der Hitlerzeit die Bürgermeisterei, die Polizei und mehrere Schulgebäude. Es wurde die Ehrenbürgerschaft, die an Reichskanzler Hitler und Reichspräsident von Hindenburg am 16. Mai 1933 ausgesprochen worden waren, benannt. Diese war 1992 von den Stadtverordneten revidiert worden. Die Dankbarkeit, dass es seitens der Stadtverordneten revidiert worden war, so wie die Betroffenheit, dass die Ernennung erfolgt war, wurde durch die anwesenden Griesheimer Bürger benannt. Die Auskünfte dazu erteilte die Archivarin Frau Dr. Wagemann.

Die Indoktrination der Kinder, die unter Anderem an den Schulen in der NS Zeit erfolgt ist, wurde thematisiert. In kurzen Zügen stellte Frau Menges vier Kernpunkte der NS Ideologie vor. Kinder aus jüdischen Familien und aus Sinti und Roma Familien haben Ausgrenzung hin bis zu körperlichen Angriffen in der Schule und auf dem Schulweg erlitten. Prof. Richard Buxbaum hat während seinem 2. Schuljahr hier in Griesheim 1937/38 dergleichen nicht erlebt. Aber es gibt Recherchen für Frankfurt, die es leider belegen. Eine Teilnehmerin, die Lehrerin ist, hat die Schuld der damaligen Lehrer benannt und sich unter die Schuld ihrer damaligen Kollegen gebeugt.

Das Thema Zwangsarbeiter wurde angesprochen. Laut Informationen von Herrn Karl Knapp gab es Zwangsarbeiter, die abends und morgens in ihrer Häftlingskleidung zu einer Griesheimer Firma im Rübgrund geführt wurden. Es gab etliche Gebäude in Griesheim, in denen Zwangsarbeiter untergebracht waren.
Die Schuld ihrer beiden Großväter an Zwangsarbeitern benannte Frau Menges und bat alle diejenigen um Vergebung, die als Nachfahren unter den Folgen der damaligen Zwangsarbeit leiden.

Der Zug bewegte sich entlang der Groß Gerauer Straße bis zum Jean-Bernard Platz. In der Kreuzgasse blieb der Zug, flankiert von zwei Polizei-Dienstwagen, stehen.
Es wurde vermittelt, dass die Groß Gerauer Straße „Geleitstraße“ hieß und die erste Straße am Ort war. Das spitze Haus an der Ecke, in dem sich ein Café befindet, gehörte dem jüdischen Händler Joseph Jospeh, welches an seine Tochter Bella Libman und ihrem Mann Max Libman überging. Das Schicksal der Familie Libman wurde benannt. Der Sohn Ludwig (Lou) Libman erlitt die Verschleppung nach Ausschwitz und einen mehrtägigen Todesmarsch zum Ende des Krieges.
An dieser Stelle las Frau Susanne Wolff aus den Memoiren ihres Mannes Peter Wolff vor. Die genaue Schilderung des Todesmarsches, den er von Ausschwitz aus erlebt hat, wurde lebendig vor den Augen der Zuhörer. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Peter Wolff und Ludwig Libman begegnet sind, ist gegeben.

Frau Bella Libman erlitt die Deportation von Frankfurt aus, mit dem Zug. Sie verstarb in Estland, wohl durch Erschießung.

Die Teilnehmerin, Chr. Borisch, benannte, wie ihr Großvater für die Verladung von Juden auf dem Frankfurter Bahnhof zuständig war; so wohl auch für Bella Libman. Frau Borisch drückte ihr tiefes Bedauern aus und bat um Vergebung.

Der letzte Teil des Marsches des Lebens führte durch die Löffelgasse bis zu dem Parkplatz Hintergasse, wo die Synagoge gestanden hat. Wieder erklangen Lieder, dieses Mal die israelische Nationalhymne. Eine kurze Schilderung der Begebenheiten in der Reichkristallnacht wurden ergänzt durch den Bericht einer weiteren Teilnehmerin des Marsches. Frau K. Rudolph schilderte, wie es für ihre Großmutter selbstverständlich war, jüdische Schimpfwörter zu nutzen. Sie erinnerte sich an den Begriff „Schnürjud“ der abfällig verwendet wurde. Als sie als Kind die Bedeutung dieses Wortes erfragte, wurde es ihr nicht erklärt. Ebenso wurde bestritten, dass die Fakten, die im Geschichtsunterricht zum Holocaust benannt wurden, stimmen würden. Sie drückte ihre Dankbarkeit aus, als erste in ihrer Familie, diese Decke des Schweigens darüber lüften zu können.

Der Platz auf dem die Synagoge stand wurde nach dem Bombenangriff 1944 nicht wieder bebaut. Die Teilnehmerin A. Rommel, selbst Engländerin, bekannte die Schuld ihres Volkes an der Zerstörung des Gebäudes der ehemaligen Synagoge sowie mehrerer Straßenzüge Griesheims und bat um Vergebung dafür. Ebenso benannte sie die Schuld der Engländer, dass sie die Einreise nach Palästina für viele Juden behindert haben, in dem sie sie in Lagern festgehalten haben.

Fröhliche Lieder und ein Segen für Israel und für die Teilnehmer durch Pfr.Uhde schlossen den Marsch des Lebens. Gemeinsam wurde ein Bußgebet gesprochen, in dem die Teilnehmer sich unter die Schuld Ihrer Vorfahren stellten, so wie es Daniel zu seiner Zeit tat.

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