Ev. Melanchthongemeinde Griesheim
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Ansprache beim Marsch des Lebens am 22. März 2015 um 17. 00 Uhr Louisenplatz Darmstadt

(www.marschdeslebens.org )

„Normalerweise bin ich nicht so der Demo Typ obwohl mich manche Demo thematisch schon reizt. Aber heute bin ich dabei, dabei bei einem starken Symbol. Ja so verstehe ich den Marsch des Lebens. Ich glaube an die Macht des Symbolischen.

Denken Sie zurück an den Knessetbesuch Konrad Adenauers mit seiner Psalmlesung. Eine starke Geste der Versöhnung.

Oder für mich noch stark im Gedächtnis der historische Kniefall unseres Kanzlers Willy Brandt vor dem Mahnmal des Warschauer Ghettos. Das war stark. Das war berührend. Das war mehr als Worte. Welcher Politiker kniet schon wortlos nieder. Unser Willy tat es. Du es wurde gesehen. Ein Schritt zur Versöhnung war das.

Unsere evangelische Kirche in Hessen und Nassau hat sich der Aufarbeitung des Völkermordes an Juden gestellt. Nach langer ausführlicher Diskussion hat sie den Grundartikel erweitert und formuliert: „ Aus Blindheit und Schuld zur Umkehr gerufen bekennt sie (die EKHN) neu die bleibende Erwählung der Juden und Gottes Bund mit ihnen… das Bekenntnis zu Jesus Christus schließt dieses Zeugnis ein“

Im vergangenen Jahr auf dem Deutschlandtreffen der GGE – der Geistlichen Gemeinde Erneuerung in der evangelischen Kirche in Chemnitz fand ein bewegender Bussgottesdienst über Luthers antijüdische Schriften und deren Auswirkungen in der reformatorischen Kirchen statt. Eine Aktion zur Aufarbeitung und Befreiung von unsäglicher Vergangenheit war das. Der lutherische Weltbund hatte eine ähnliche Bussaktion bereits getan und empfiehlt der einzelnen Kirchen ähnliches zu tun.

Staat, Kirche und andere Institutionen haben viel Aufarbeitung und Schritte zur Versöhnung getan.

Der Marsch des Lebens thematisiert nun einen anderen ebenso wichtigen Aspekt: die Aufarbeitung der persönlichen Familienschuld. Ja – jede Familie war – mit grossen Ausnahmen- mitschuldig, nein schuldig. Sie waren Teil des Systems der Völkermords, der Vernichtung von Juden, Sinti und Roma, der slawischen Völker, Homosexuellen, Kranken, Andersdenkenden.

Darum bitten wir Sie um Vergebung.

Wir sind die Todesmärsche hier in Darmstadt rückwärts gegangen. Wir wollen damit bewußt Leben aussprechen. Leben aus der Versöhnung. Leben, das neuentsteht, wo Familien sich der Wahrheit stellen. Der Wahrheit des Wegschauens oder aktiven Mitwirkens.

Uns ist klar: Geschichte lässt sich nicht mit einem Resetknopf zurückspulen und neu anfangen.

Aber indem wir diesen Weg rückwärts gegangen sind, wollen wir euch liebe jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger um Vergebung bitten und uns als Christen jeden Tag neu sagen: Wir Christen leben als Christen weil Ihr seid.

Unsere christlichen Gemeinden rufe ich auf: Macht Predigtreihen zu Römer 9 – 11. Und beginnt die Heiligen Schriften zu lesen als Menschen, die die hebräische Bibel aus Gnade auch für sich lesen können.

Und setzt euch ein, dass im Lutherjahr 2017 das Bildnis von der Judensau in der Wittenberger Stadtkirche abgenommen wird. Es ist ein Negativsymbol falscher Theologie und Kirche. Hier sind wir gefordert zur Busse und zum handeln.

Gott segne euch.

Was wir heute hier veranstalten hat eine starke symbolische Kraft. Wir sind die damaligen Todesmärsche von diesem Platz zu Güterbahnhof in umgegekehrter Reihenfolge gegangen