Ev. Melanchthongemeinde Griesheim
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Miserikordias Domini 10.04.2016

 Vom guten Hirten

 Gnade sei mit euch und Frieden

So schreibt der Apostel: 1Petrus 2.21b-25

Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen,

dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußtapfen; er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; 23 der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet; 24 der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. 25 

Denn ihr wart wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof

eurer Seelen.

 

Gott segne diese Worte an unseren Herzen!

 

 

Liebe Gemeinde,

 

bei einem Taufgespräch erzählte mir eine Mutter, als ich die Frage nach Gott stellte folgendes: Früh hatte sie den Vater verloren, der für sie der feste, herzliche und liebevolle Bezug im Leben war. Ohne den Vater war das Leben kalt, unbarmherzig und ängstigend. Eine gewisse Zeit hatte sie die Orientierung und den Halt verloren.

 

Plötzlich hörte sie die Geschichte von Gott dem guten Hirten. In ihrer Not wandte sich sie an Gott und bat: Herr sei Du mein Herr und mein guter Hirte. Immer wieder sprach sie dieses Gebet und Gott wurde ihr neuer himmlischer Vater. Sie hatte nun wieder einen persönlichen festen Bezug im Leben und das nahm ihr die Angst; die ab und zu hoch kam. Herr Du bist mein guter Hirte. Mir wird nichts mangeln. Dieser feste Bezug im Leben stärkt den inneren Menschen und lässt ihn nicht irrewerden.

 

Natürlich gibt es den anderen Fall wo ein persönlicher Bezug der verloren geht nicht ersetzt wird. Dieser Verlust hinterlässt eine Wunde. Es kann sein, dass die Wunde gut heilt. Es kann sein, dass sie heilt und im Laufe der Zeit immer wieder durchlässig bleibt. Dann kann es sein, dass man an dieser Stelle anfällig ist für eine stetige Suche nach neuen Kontakten; oder man will überhaupt keine Kontakte mehr. Weil die Angst da ist vor dem Verlust. Ich könnte ihn wieder verlieren. Und bevor wieder ein Verlust eintritt, geht man dem Kontakt auf jeden Fall aus dem Weg.

 

Mit dem Verlust leben ist schmerzlich. Dann ist es wie in dem schönen, schrecklichen alten Lied von den Königskindern.

 

1Es waren zwei Königskinder, die hatten einander so lieb. Sie konnten zusammen nicht kommen, das Wasser war viel zu tief.

2Ach Liebster, könntest du schwimmen, so schwimm doch herüber zu mir! Drei Kerzen will ich anzünden, und die soll'n leuchten zu dir.

3Das hört eine falsche Nonne die tat, als wenn sie schlief;

sie tät die Kerzen auslöschen, der Jüngling ertrank so tief.

 

Sie versuchten es die Königskinder. Zusammenzukommen. Doch im volkstümlichen Lied verhindert es eine falsche Nonne. Im Grunde genommen geht es um das Verhinderte Zusammenkommen der beiden Königskinder. Sie müssen ertrinken. Die Kluft, die Differenz die sich hier auftut kann nicht überwunden werden.

 

Liebe Gemeinde,

 

Sünde und guter Hirte! Wie soll das gehen? Kommen sie zusammen? Oder ist das Wasser dazwischen viel zu tief?

 

Zunächst die Sünde. Was bedeutet dieser Begriff? Sünde könnte man meinen ist ein veralteter Begriff. Wenn man in Literatur und Musik sucht merkt man: Sünde ist nicht tot. Sünde lebt. Das klingt dann so: Die Sünde der Brüder. Wer Sünde sät. Tochter der Sünde. Geliebte Sünde. Unbegreifliche Sünde. Geträumte Sünde! Bittere Sünde. Das Buch der Sünden. Die letzte Sünde. Heiß wie Sünde! Sünden der Vergangenheit. Paradies der Sünde. Eiskalt wie die Sünde. Stirb für deine Sünde. Die Sünden meiner Väter. Im Herzen der Sünde. Muss denn Essen Sünde sein? Heilige Sünden. Die Sünde der Engel. Unwort Sünde. Schweigende Sünde. Einige Buchtitel. 1000de gibt es davon. Buchtitel und Musiktitel.

 

Das deutsche Wort "Sünde" ist wahrscheinlich mit dem altdeutschen Wort "Sund" verwandt: Das bezeichnet den Meeresgraben zwischen zwei Landstücken (z.B. der Öresund zwischen Dänemark und Schweden). Sünde bezeichnet demnach eine Trennung, eine Entfernung.

 

Im Griechischen, der Sprache des Neuen Testaments, heißt sündigen so viel wie "das Ziel verfehlen" - etwa so, wie ein Bogenschütze seinen Pfeil daneben schießt. Dadurch wird die Bedeutung des Wortes Sünde noch schärfer: Sünde bezeichnet verfehltes Leben - ein Leben, das an Gott vorbei gelebt wird.

 

Wenn wir das deutsche Wort Sünde gebrauchen, so schwingt darin die Bedeutung mit: Der Mensch lebt von Gott getrennt - wie durch einen großen Graben und verfehlt damit sein Leben.

 

Damit wäre Sünde/Sund eine Landtrennung oder ein Bruchspalt. Wir kennen die Ortschaften an der Ostsee Stralsund oder Fehmarn Sund.

Die Sund trennt einen Teil vom Ganzen ab. Es kann sein, dass in einer früheren Zeit die Insel mit dem Festland verbunden war. Doch das Wasser kam und hat einen Teil davon abgetrennt. Unter Wasser ist die Insel mit dem Festland verbunden aber dazwischen ist nun Wasser.

Dieses Bild vom Sund, das trennt, aufteilt und vom Ganzen weggebrochen ist; ist ein Bild für die Kluft die Differenz zwischen Gott und Mensch das zum Ausdruck kommt im Begriff der Sünde.

 

Es muss nicht mit einem Selbstverschulden verbunden sein. Tiefe Wasser kamen und haben einen Teil des Festlandes abgetrennt. Ein Schicksalsschlag kam und hat Leben weggetrennt.

 

Über diese Meeresenge kann man nicht mehr laufen und gehen wie früher. Jetzt ist hier Wasser. Wie bei den Königskindern. Sie können zusammen nicht kommen, das Wasser ist viel zu tief. Aber sie sehnen sich so zueinander. Das Abgetrennte will zum Ganzen zurück! Die Königskinder: Sie haben sich doch so lieb. Der abgetrennte Teil will wieder zum Ganzen. Sehnt sich danach. Die falsche Nonne hat kein Verständnis für die Liebe, das Ganze, der Königskinder. Sie ist selbst eine Abgetrennte. Sie ist bodenlos unbarmherzig. Sie bläst die Kerze aus und die Königskinder ertrinken. Ihre bodenlose Unbarmherzigkeit schafft die Differenz, die Kluft, die nicht überwunden werden kann. Ihre bodenlose Unbarmherzigkeit, ihre Sünde stürzt die Königskinder in den Tod.

 

Die Sünde steht für abtrennen, für Kluft und Differenz vom Ursprung, vom großen Ganzen, ja vom Leben selbst. Teile werden durch abtrennen und absondern vom Ursprung des Lebens gelöst.

 

Jesus der Christus, spannt seine gekreuzigten Arme und verbindet das Leben wieder mit dem Ursprung, ja mit Gott. Er ist die Brücke von Gott zu den Menschen. Seit 1964 gibt es über das Fehmarn Sun eine Brücke. Diese Brücke verbindet das Festland mit der Insel Fehmarn. Im Bilde gesprochen: Jesus Christus ist diese Brücke.

Er trägt die Differenz, die Kluft ans Kreuz und heilt somit die Menschheit. Er wird zum Urbild der Verbindung, der Überbrückung von Mensch und Gott. Vom Teil und vom Ganzen.

 

Durch diese Überbrückung des Abgetrennten vom Ganzen wird Jesus Christus zum Heiler und Bischof unserer Seelen. Durch seine ausgestreckte Arme am Kreuz verbindet ER das Abgetrennte, das am Ziel vorbei Lebende mit seinem Schöpfer; mit seinem Ursprung.

Da gab es bei uns Menschen schon einiges an Trennung, Schmerz, Verlust, Abtrennung, Amputation vom Ganzen. Am Ziel des Lebens; vorbei Leben. Als Bezug im Leben, in der Familie, im Freundeskreis, in der Gemeinde. Ja im Bezug zu Gott selber.

 

Da sind Menschen gestoben die Träger unseres Vertrauens waren. Sie sind nicht mehr da. Da waren Helfer die Lasten getragen haben. Sie sind nicht mehr da. Natürlich sind andere Helfer und Träger da. Doch die ursprünglichen sind nicht mehr da. Und bei dem einen kann es sein, dass sie sehr fehlen. Und dieser Schmerz ist noch nicht geheilt. Wir Menschen spüren den Verlust der Schmerz tut weh. An allen Verluststellen sehnen wir uns nach dem Bischof der Seelen. Der gute Hirte überbrückt und heilt in Liebe die Klüfte und Differenzen die das Leben, ja die Sünde, schlägt und verursacht.

 

Ich muss nicht in der Kluft des Lebens, in der Differenz des Denkens und Fühlens bleiben.

 

Der Bischof unserer Seelen macht uns heil und nimmt uns neu auf in seinen Frieden.

 

Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt damit ich lebe! Ich lobe meinen Gott, der mir den neuen Weg weist, damit ich handle. Ich lobe meinen Gott, der mir die Tränen trocknet, damit ich lache.

 

Und der Friede des Herrn sei mit uns allen. AMEN.