Ev. Melanchthongemeinde Griesheim
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 Sexagesimae 2007, 2. Sonntag vor der Passionszeit

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott unserem Vater und unserem HERREN Jesus Christus. AMEN

Gottes wunderbarer Weg
Jesaja 55.6-13 Suchet den HERRN, solange er zu finden ist; ruft ihn an, solange er nahe ist. Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Übeltäter von seinen Gedanken und bekehre sich zum HERRN, so wird er sich seiner erbarmen, und zu unserm Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung. Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken. Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende. Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden. Berge und Hügel sollen vor euch her frohlocken mit Jauchzen und alle Bäume auf dem Felde in die Hände klatschen. Es sollen Zypressen statt Dornen wachsen und Myrten statt Nesseln. Und dem HERRN soll es zum Ruhm geschehen und zum ewigen Zeichen, das nicht vergehen wird.

HERR  Gott unser Vater, segne diese Worte an unseren Herzen!

Liebe Gemeinde,

in unserer Zeit muss man so manches, vieles im Blick haben!
Was haben wir denn im Blick? Was verlieren wir aus dem Blick? Was sehe ich? Was nicht? Gewisse Sachen können wir nicht im Blick haben: Gott sei Dank! Nämlich: Unvorhergesehenes!
Wie ein Dieb in der Nacht kommt das Unvorhergesehene. Das Unberechenbare. Das Fremde, das andere. Es kommt in menschlichen Beziehungen. In der Politik! In der Kirche.

Übernimmt Gott die Rolle des Unvorhergesehenen?
Unvorhergesehene Begegnungen kann es geben: Man trifft Menschen. Neues, Erfreuliches kann sich aus solchen Begegnungen ergeben. Solche Begegnungen können das Leben verändern. Im Alpha Kurs, in der Stunde der Bibel erzählen die Menschen davon.

Auch andere Erfahrungen können es sein: eine Krankheit. Sie
war nicht im Blick. Nun ist sie plötzlich da unvorhergesehen...
Mit Unvorhergesehenem müssen wir immer wieder leben und damit umgehen. Die Jungen und die Alten.

Mit der Verschiedenheit müssen wir umgehen! Die Verschiedenheit der Menschen! Die Kontaktfreudigkeit oder die Kontaktscheu! Mancher sucht Kontakte zu den Mitmenschen, mancher nicht! Da könnten wir das Gotteswort deuten:

Meine Gedanken sind nicht seine Gedanken. Und seine Gedanken sind nicht meine Gedanken. Dann sind meine Wege auch nicht seine Wege. Das ist meine Welt. Das ist seine Welt. Uns trennen Welten, sagt man so leicht. Oft gilt das alte Lied: „Das ist meine kleine Welt.“ Unsere Welten sind oft klein, weil wir nicht mehr verkraften!

Nun scheint das auch in der Gottesbeziehung zu gelten. Kontaktfreudigkeit und Kontaktarmut!
Der Mensch erfährt, dass ihn Welten von Gott, von seinem Wort, von seiner Verheißung, von seinem Heiligen Geist trennen. Bei Trauergesprächen fällt mir auf: Gott war nicht im Blick. Er konnte nicht in Betracht gezogen werden, da der Mensch meinte alles fest im Blick und dann vor allem alles fest im Griff zu haben. Und dann kam vieles anders…
Ich denke, vielen von uns ist das nicht fremd!

Unvorhergesehen kam es im Leben anders. Dadurch dass Unvorhergesehenes nicht im Blick war kann es nie und nimmer angenommen werden. Ich muss dann beim alten bleiben weil sich so sehr bei mir, bei meinem unveränderten ICH bleiben muss. Dann bekennt der Christenmensch resigniert im Blick auf Gott:

Meine Gedanken sind nicht deine Gedanken; meine Wege sind nicht deine Wege; so viel der Himmel höher ist als die Erde ist so viel höher sind deine Gedanken; soviel höher sind deine Wege.

Welches ist die Folge? Getrennte Wege! Der Mensch geht getrennt von Gott seinen Weg! Und noch mehr, der Mensch geht auch getrennt von seinem Mitmenschen seinen Weg. Meine Gedanken sind nicht seine Gedanken.

Doch Gott der Herr geht uns auf unserem Weg nach. ER lässt uns vorangehen. Wie ein weiser Vater oder wie eine weise Mutter ihr Kind auch vorangehen lässt. So lässt er uns vorangehen und geht uns nach. Sein Wort geht uns nach. Das Wort, Gotteswort das wir bereits hörten wird uns nicht aus dem Sinn gehen. Es hat die Gotteskraft in sich. Sein Wort kommt nicht leer zurück.

In der unfreundlichen Fremde, in der kalten Ferne erinnert sich der verlorene Sohn an die väterliche Güte und Barmherzigkeit. ER kehrt zurück ins Vaterhaus. Mit offenen Armen wird er angenommen. Gottes Wort ist kein leeres Wort. Sein Wort war, ist und wird sein. So er spricht so geschieht es. So er gebietet so steht es da.

Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde, und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen, zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein. Es wird nicht leer zu mir zurückkommen, sondern wir tun was mir gefällt und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.

So sicher, wie es ist, dass der Regen von oben und nach unten fällt und unten ankommt, so sicher, wie die Naturgesetze funktionieren, so sicher wird auch Gottes Wort ankommen. Gottes Wort wird sein Ziel erreichen: Seiner Natur gemäß. Naturgemäß, ohne Frage und wie selbstverständlich.

Gottes Wort erreicht sein Ziel: daran zu glauben war zu keiner Zeit selbstverständlich. Dass Gott handelt und helfen kann, das steht oft im Widerspruch zu dem, was zu sehen ist.
Und auch damals, als der Predigttext entstanden ist, war es geradezu das Gegenteil von dem, was Menschen sahen und erlebten:
Sie waren aus ihrem Land in die Fremde verschleppt worden. Ihr Stolz - sie waren Nachfahren von Beduinen - und das sind sehr stolze Menschen; ihr Lebenswille war gebrochen. Da, wo sie jetzt waren, im Exil, in der Gefangenschaft, gab es nicht mehr viel, worauf sie stolz sein konnten. Und nicht mehr viel, was ihnen heilig war.

Gott, so konnte man meinen, hatte sie verlassen, den Feinden anheim gegeben. Jedenfalls war Gott weit weg. Gott stand nicht mehr im Mittelpunkt des Lebens. Man hatte mit sich selbst zu tun. Gott war wohl eher in jener alten Welt geblieben, die sie für immer, wie es schien, verloren hatten. Vielleicht war Gott auch untergegangen mit der Heimat und mit dem, was jede und jeder Einzelne zurückgelassen und für immer verloren hatte.
Wer einmal Illusionen gehabt hatte, hatte sie bestimmt nicht mehr.

Wir gehen unseren Weg und meinen damit: unseren eigenen, selbstgewählten, und manchmal gehen wir dabei vielleicht auch einen Umweg. Das Unvorhergesehene geht mit. Vielmehr geht Gott mit.

Es gibt Weggefährten.
Es gibt den Wegrand und die Menschen an den Rändern.
Es gibt Wege, die ich gerne gehe und Wege, die ich gehen muss.
Manche Wege sind Neuland, unbegangen und spannend oder einsam. Es gibt verlassene Wege, die keiner mehr geht oder die man besser nicht geht. Es gibt Wege nach oben und Wege nach unten. Wege ins Abseits und Wege zurück.
Vor allem gibt es...
Wege im Gebirge über Felsen, Geröllfelder und Abhänge.
Mit einem wunderbaren Ausblick, wo man in die Weite sehen kann und in der Ferne Berge am Horizont und davor ganz unten, ein Dorf vielleicht oder eine Stadt. Von oben sehen die Dörfer und die Häuser immer so klein aus. Ich mag diesen Blick sehr.
Von oben sieht alles anders aus. Alles fügt sich zu einem Bild zusammen, die Unruhe ist nicht mehr zu sehen, es sieht aus, als stünde die Welt still.

"Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein", singt Reinhard Mey in einem Lied, "alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, liegen darunter verborgen und dann wird, was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein".

Wenn ich die Welt von oben sehe, wenn das Große klein geworden ist, ahne ich, dass auch mein Leben von weitem betrachtet etwas anders aussieht, als ich es erlebe. "Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und meine Wege sind nicht eure Wege" sagt Gott der HERR. Wenn ich die Welt von oben sehe, ahne ich, dass auch manches, was mir wichtig scheint, gar nicht wirklich wichtig ist. Was wie ein unüberwindbares Problem scheint, könnte, von weitem betrachtet, ganz anders aussehen, viel weniger bedrohlich, viel eher zu überwinden. Und manches worunter Menschen heute leiden, das muss nicht, aber das kann mit dem Gang der Zeit weniger schmerzlich werden.

Es ist nur ein Verdacht. Oder vielleicht auch eine Angst, die Spannung zwischen Himmel und Erde nicht länger auszuhalten. Beunruhigt sehen wir auf die Welt und auf uns und wissen manchmal nicht, was wir verstehen sollen und ob überhaupt. Von oben sähe sicher alles ganz anders aus. Aber noch sind wir hier, mitten im Leben. Und ringen manchmal mit der Welt und unserem Glauben. Schon immer haben Menschen Erfahrungen gemacht, die dem alten Glauben widersprochen haben. Schon immer war es nötig, einen eigenen Glauben zu finden und den eigenen Glauben als etwas Wichtiges, Wertvolles zu achten, den persönlich Glauben in den Blick zu bekommen- auf dem Weg mit dem Unvorhergesehenen...
festzuhalten, wertzuschätzen,
verändern zu lassen, zu verlieren,
und wieder zu finden.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus! AMEN!

Ihr Pfarrer Konrad Rampelt